



Begleitstudie zu Sprachförder-
maßnahmen in Rheinland-Pfalz (PDF)

Elke Montanari
So wie Alessio und Mike reden Kinder häufig über Sprache und tauschen sich darüber
aus, "wie das richtig ist". Manchmal beziehen sie dabei ihre verschiedenen Familiensprachen
mit ein oder wundern sich über Unterschiede zwischen Dialekt und Hochdeutsch. Beim Basteln,
im Ritterspiel oder beim Frühstück - bei allen möglichen Situationen hört man Wortwechsel
dieser Art.
Können ErzieherInnen diese Gespräche über Sprache für die Sprachförderung nutzen? Wenn für Kinder anscheinend das Bauen von Sätzen ein so einfaches oder kompliziertes System ist wie das Bauen eines Turmes - können wir Spiele finden, in denen ihr Nachdenken über Sprache einen Platz erhält? Die eine gemeinsame Basis für Kinder und Erwachsene dar- stellen, um ins Gespräch über Sprache zu kommen? Diese Fragen standen am Anfang der Konzeption von "Spiel mit Deutsch - Kinder als Sprachforscher und Entdecker". Sie haben zu einem Spielmaterial geführt, bei dem das Entdecken und Erforschen von Sprache, und vor allem von sprachlichen Handlungen, Strukturen und Wortschatz, im Vordergrund stehen.
Wörter und Wortschatz sind in diesem Konzept die Bausteine: sie sind wichtig, doch allein machen sie noch kein "Sprach- schloss" aus. Nur mit ihnen können noch keine schönen Sätze, Erzählungen und Gespräche entstehen. Dafür brauchen die Kinder ein Wissen um etwas, das man den "inneren Bauplan von Sprache" nennen könnte, ein Wissen, was wie zusammen passen kann, damit mehr als eine Aneinanderreihung von Wörtern entsteht; anders gesagt: das Wissen darum, wie Sprache funktioniert.
Eine Lupe im Sprachdschungel
Ist das nun Grammatik? Mit dem, woran Erwachsene sich oft mit wenig Freude erinnern, hat es wenig zu tun. Es geht nicht darum, lateinische Wörter mit deutschen Inhalten zu verbinden; im Mittelpunkt stehen vielmehr Fragen wie "Welcher Zauber- spruch macht aus einem Krokodil viele?" oder "Warum heißt es der Mond, die Sonne und das Gras?" Gemeinsam erspielen, erforschen und diskutieren Kinder diese Fragen und überlegen, ob das im Rheinhessischen, Badischen oder Griechischem ähnlich ist wie im Hochdeutschen oder nicht.
Sprache wird in "Spiel mit Deutsch" als ein Zusammenwirken des Kindes, ein Agieren in einem Netzwerk vielfältiger Bereiche gesehen, die Hören und Zuhören, Erzählen, Höflichkeitsregeln ebenso wie Aussprache, Wortschatz, Satzbau und Wortbildung einbeziehen.
Hier wird davon ausgegangen, dass die Schwerpunkte auf einer Kombination von grammatikalischen Strukturen, angemes- senem Wortschatz und sprachlichen Handlungsfähigkeiten liegen sollten. Dafür werden Spiel- und Aktionssituationen vor- geschlagen, so dass immer sämtliche Kommunikationsaspekte einbezogen sind.
Für zwei bis drei Wochen soll dabei ein Sprachthema im Mittelpunkt von Spielen und Aktivitäten mit allen Sinnen stehen. Passend dazu gibt es immer ein Inhaltsthema - zum Beispiel "Einzahl/Mehrzahl" und "Mein Körper" bilden eine Einheit, da Menschen typischerweise einiges mehrmals, anderes nur einmal am Körper haben und sich so viele Gesprächs- und Spiel- anlässe ergeben.
Auf die Kinder wirkend wird so ihre Aufmerksamkeit auf einige sprachliche Erscheinungen gerichtet - sie werden sich ihrer bewusst, sprechen darüber, spielen damit und nehmen sie dadurch deutlich in der sie umgebenden Sprache wahr. Wie mit einer Lupe - der "Sprachlupe" erschienen auf einmal Wörter und Sätze vergrößert, deutlich, manches wird sicht- und vor allem hörbar, was bisher verborgen blieb.
Darum sind bei den Aktivitäten weniger die Resultate wichtig - wie Yppso aussieht (das ist eher für die Kinder wichtig) oder wie schnell eine Aufgabe gelöst wurde - sondern wie intensiv die Kinder dabei über Sprache nachgedacht haben, eigene Vermutungen angestellt haben und den "Mechanismus geknackt" haben, wie etwas funktioniert.
In der anderen Richtung wirkt "Spiel mit Deutsch" auf die Erzieherinnen und Sprachförderkräfte: Vieles von dem, was in der Hochsprache wichtig ist, sprechen wir selten aus, "verschlucken es". Damit wird es für die Kinder noch schwieriger, es zu lernen. Selbst wenn wir uns vornehmen, "ab morgen deutlich zu sprechen", so gelingt das meistens nur die erste halbe Stunde. Mit Spielen und Aktivitäten, die sich gezielt um z.B. "der, die, das" gelingt es leichter, diese Wörter tatsächlich auszusprechen - mindestens, so lange sie unser Thema in der Sprachförderung sind.
Spiel mit Deutsch setzt bei dem Wissen der Kinder in ihren vielen Sprachen und Dialekten an. Deutsch - Hochdeutsch, Schriftdeutsch - zu lernen, bedeutet etwas hinzu zu gewinnen, nicht das Eigene zu verlieren. Darum sollen mit dem entwickelten didaktischen Material Kinder und pädagogische Fachkräfte auf dem Weg zur Mehrsprachigkeit Unterstützung finden.
Was ist anders?
Eingebettet in Spiele, Kreatives Gestalten, Lieder und Geschichten wird hier ein systematisches Erspielen von Sprache vorgeschlagen. Regeln, Strukturen und Grammatik werden selbst zum Thema, und zwar nicht zufällig, sondern gezielt über einen Zeitraum von einigen Wochen.
Das Lernen selbst in die Hand nehmen
Größere Fortschritte können erreicht werden, wenn neben der deutschen Sprache der Lernvorgang selbst Thema wird, zum Beispiel, indem die Kinder formulieren, was sie möchten und wie, was schön war und was ihnen vielleicht nicht gefallen hat und warum. Das zeigt ihnen die Macht der eigenen Worte und stärkt ihr Selbstbewusstsein; zusätzlich wird es so möglich, in authentischen Diskursen über etwas Tatsächliches zu reden.
Die Kinder sollen ermutigt werden, ihr Lernen selbst wahrzunehmen, darüber zu sprechen und es als eigenes zu begreifen - damit sie dieses Wissen auch später und allein nutzen können. Besonders wichtig erschien das, weil sich nicht alle Kinder darauf verlassen können, dass ihre Eltern sie so unterstützen können, wie Schule das erwartet.
Anregungen aus interkultureller Sicht erleichtern es, unterschiedliche Kulturen und Sprachen in der Kindergruppe in ihrer Gleichwertigkeit zu erleben. Manchmal sind dafür nur Kleinigkeiten nötig - zum Beispiel bei den Tieren statt über den Igel zu sprechen, der zwar faszinierend, aber in vielen Ländern relativ unbekannt ist, den Storch zu wählen, der selbst als Zugvogel eine Migrationsbiografie hat und über den es in vielen Erdteilen Geschichten gibt.
Leitfaden oder Sammlung?
Aus zwölf Einheiten besteht "Spielt mit Deutsch", und wer zum ersten Mal Sprachförderung durchführt, hält sich vielleicht gern an diese Einteilung und findet in ihr einen Leitfaden. Ebensogut können alle Einheiten umgestellt werden, zum Beispiel um Situationen in der Gruppe aufzugreifen oder parallel zu den Themen in den Gruppen in der Einrichtung zu spielen. Andere Ideen, Lieder und Materialien, die in den Einrichtungen vorhanden sind - oder in den Köpfen der Sprachförderkräfte, der Erzieherinnen, der Kinder - können in diesem offenen Rahmen aufgegriffen werden.
Zu den Aktivitäten werden jeweils die Ziele angegeben, damit nicht nur deutlich wird, Was vorgeschlagen wird, sondern auch Wozu. Eine übersicht am Anfang ermöglicht Planung und Absprachen - im Team, mit der Schule, zwischen HorterzieherIn und LehrerIn.
Entwickelt mit Erzieherinnen und Lehrerinnen
Die Spielideen wurden in Fortbildungen und Tagungen in Workshops gemeinsam mit Erzieherinnen, Lehrerinnen und Sprachförderkräften entwickelt. Dann wurden sie in Kindertagesstätten und in Schulen erprobt - und nachdem die Erzieherinnen und Kinder so manches umgestellt, verworfen und neu gestaltet hatten, konnte die Spielesammlung in den Druck gehen und ist jetzt über den Buchhandel erhältlich. Es ist geeignet für den Einsatz mit Kleingruppen - bis zu etwa 10 Kindern ab 5 Jahre, im Vorschul- und Grundschulbereich.
Montanari, Elke: Spiel mit Deutsch - Kinder als Sprachforscher und Entdecker. Herder Verlag 2006, Freiburg.
Elke Montanari ist freie Sprachwissenschaftlerin und arbeitet gerade an einer wissenschaftlichen Studie über Sprachfördermaßnahmen. Sie arbeitet mit verschiedenen Universitäten zusammen, führt Fortbildungen für ErzieherInnen und LehrerInnen durch und hat drei mehrsprachige Kinder. Sie ist auch die Autorin von: Mit zwei Sprachen groß werden. Mehrsprachige Erziehung in Kindergarten, Familie und Schule. Kösel Verlag 2002.
P.S.:
Der Zauberspruch, der aus einem Krokodil viele macht, heißt: "setze ein -e an das Ende". Fünf dieser "Zaubersprüche" gibt es im Deutschen. Und warum es "der Mond", aber "die Sonne" heißt, lässt sich mit keiner Logik wirklich gut erklären. In vielen Sprachen ist die Sonne männlich wie im Italienischen oder hat kein grammatikalisches Geschlecht, wie im Englischen. Und daran kann man gut erkennen, dass "der, die das" keine Logik haben, sondern gelernt werden müssen. Das finden die Kinder im Gespräch selbst heraus.